07:30 Uhr I Christine Walter

»Ich mag den Begriff Türmer. Er erinnert ein bisschen an Stürmer, aber stiller, poetischer und doch bestimmt. Still ist es heute Morgen auch. Als Standort habe ich unseren Speicher gewählt, ein unwirtlicher Ort, aber mit einem schönen Blick auf einige Wohnhäuser, die rückwärtigen Gebäude vom Gärtnerplatz, einen Hort, eine Förder- u. Grundschule, einen Kindergarten und weiter weg auf die Rathaustürme sowie die Frauen- und andere Kirchen. Erstaunlich ist, wie wenig los ist; wenn ich richtig gezählt habe, sind im Hort zwei Kinder und zwei Erzieher. In der Förderschule einige wenige Kinder mehr. Die Wohnungen des Gärtnerplatzhauses haben schöne Terrassen mit schönen Pflanzen, aber sie sind offensichtlich unbewohnt. Kein Mensch dort! In den Wohnhäusern auch nur vereinzelt Licht. Ein Geschenk meiner Türmer-Stunde ist, dass ich an einem der wenigen großen Fenster, sehe, wie eine Person ihr Kind wickelt. Das dauert sicher 15/20 Minuten und ist das schönste Lebenszeichen an diesem Morgen. Beinchen, die in die Luft gehen, zum Schluss eine Umarmung. Ich sehe die Silhouetten, aber nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Ansonsten hat die Stille auch etwas Trauriges, Schulen ohne Kinder sind nicht poetisch, sondern komisch. Als würde Corona der Stadt das Lebhafte nehmen. Erstaunlich ist auch, dass es um 7.30 Uhr schon vollkommen hell ist, obwohl die Sonne gerade erst aufgeht. Und weil der Himmel schneeverhangen ist, wird es auch nicht heller. Interessant an dem Türmer-Blick ist, dass sich die Gedanken nur auf das Gesehene fokussieren. Keine Sekunde auf den eigenen Alltag, der ab 8.30 Uhr erst langsam wieder auftaucht.«

09.02.2021 Christine Walter Aussicht