07:32 Uhr I Markus Kumpf

»Hallo, meine Stadt! Oder zumindest der kleine Ausschnitt, den ich von unserem Fenster sehen kann. Wir wohnen beinahe ein Jahrzehnt hier, aber noch nie hatte ich so lange innegehalten und dieses Stück Stadt betrachtet, es „beschützt“. Es ist Lockdown, aber auch so halten die Menschen, die sich jetzt schon draußen bewegen, relativ viel Abstand zueinander. Jogger, Fußgänger, Radfahrer, der motorisierte Verkehr. Jeder ist irgendwie für sich. Straßen und Wege scheinen sie in vorbestimmte Richtungen und Bahnen zu leiten und doch streben sie alle ihr ganz persönliches Ziel an. Ich sehe Natur bewusster. Während Bäume und Gras scheinbar unbeweglich stehen, machen es die Vögel uns gleich: Sie bewegen sich wohin. Sie brauchen dafür aber keine Bahnen und Wege. Oder Schilder. Oder Verkehrsregeln.

Auch der Himmel mit relativ vielen Wolken ist nicht statisch, langsam wird das Licht intensiver. Kommt die Sonne noch raus? Eine Stadt ist niemals etwas Statisches, etwas Stilles, eigentlich bewegt sich immer irgendwas und irgendwer, es verändert sich ein Zustand. Selbst die Bauten verändern sich, würde man sie nur über einen sehr langen Zeitraum beobachten. Warum leben wir eigentlich alle auf so vermeintlich engem Raum zusammen? Weil wir gerne untereinander sind? Weil wir kurze Wege wollen, weil es vielfältige Angebote erlaubt? Alles praktische Gründe. Aber wohl auch, weil wir dadurch erfahren, miteinander zu leben und aufeinander Rücksicht zu nehmen. Was momentan so wichtig ist. Genau in dem Moment, in dem sich meine Stunde zu Ende neigt, kommt die Sonne raus und taucht alles in ein warmes Licht. Magisch.«

08.02.2021 Markus Kumpf Aussicht