16:20 Uhr I Sandra Döllinger

»Mein Freund schaut mich skeptisch an, als ich mir die Wolldecke um die Beine wickle und mir den Daunenmantel anziehe. Mit einer Tasse heißen Tee bewaffnet, stelle ich mich um 16:20 Uhr auf unseren West-Balkon im 6. Stock. Bald stelle ich fest, dass ich die Handschuhe und Kapuze nicht brauche und schiebe auch die Wollmütze etwas höher. Nachdem gestern ein super Abendrot zu sehen war, ist es heute deutlich kälter und es ist auch den ganzen Tag nicht richtig hell geworden. Schade, meine Türmer-Stunde habe ich mir etwas bunter vorgestellt… Alles ist grau und verlassen: der Schrebergarten mit seinen kahlen Bäumen und Sträuchern, auch die Baustelle an der Schule steht seit Wochen still. Dabei fallen mir die vielen Baukräne auf und ich zähle ganze 15 Stück! München wächst! Eine Uhr brauche ich in der Stadt nicht, denn zwei Tramlinien fahren im Zehn-Minuten-Rhythmus am Haus vorbei. Zudem gongt der Kirchturm im 15-Minuten-Takt. Nach Süden schauend, sehe ich – in weiter Ferne und auch nur schwach – die Silhouette der schneebedeckten Berge. Das Fernweh packt mich. Wie schön wäre es, dem ganzen Wahnsinn zu entfliehen und einfach in ein Flugzeug zu steigen. Plötzlich höre ich einen Hubschrauber und kurz darauf ein Flugzeug. Zu sehen ist aber, dank Wolkendecke, leider nichts. Welch ein Privileg es doch war, in ferne Länder reisen zu können und fremde Kulturen kennenlernen zu dürfen! Ich entschließe mich, heute Abend die Fotobücher aus dem Regal zu holen und mit einem Cocktail in bunten Erinnerungen zu schwelgen.«

06.02.2021 Sandra Döllinger Aussicht