16:12 Uhr I Antoinette Schmelter-Kaiser

»München-Moosach, am Fenster des Arbeitszimmers: Heute Morgen schien kurz die Sonne. Insofern waren die Aussichten auf schönes Licht gut, das nachmittags bis zu meinem Schreibtisch reicht. Doch seit Mittag ist der Himmel bedeckt. Um 16.12 Uhr überziehen ihn dichte Wolken in hell- und dunkelgrau, aus denen es leicht regnet. Vom bodentiefen, breiten Fenster meines Arbeitszimmers fällt mein Blick in unseren Garten, in dem sich in den Beeten die ersten Blumen ankündigen: Winterlinge und Schneeglöckchen spitzen aus dem nassen Boden hervor, auf dem vor kaum einer Woche eine dicke Schneedecke lag. Auch die Vögel in Garten der Nachbarn gegenüber scheinen den kommenden Frühling zu spüren: Eine Elster, Krähen, Blaumeisen und Amseln landen auf Kirsch- oder Apfelbaum und suchen an drei Futterstellen nach Kernen. Außer leisem Zwitschern oder Krächzen ist aber kein Gesang zu hören. Die Amseln brauchen wohl noch, um ihr Abendkonzert anzustimmen. Außer Vögeln sehe ich zwischen den weiter entfernt liegenden Häusern ab und zu Passanten zu Fuß oder mit dem Rad vorbeikommen. Zwei Mal geht der ältere Mann von schräg gegenüber zum Briefkasten und zurück. Seine demente Frau habe ich seit Monaten nicht mehr draußen gesehen, dafür kommt täglich der Pflegedienst und Essen auf Rädern. Offensichtlich hat sich ihr Zustand stark verschlechtert. Details wie diese bekomme ich als Reihenhausbewohnerin am Stadtrand von München von anderen automatisch mit. Trotz aller Nähe fühle ich mich selbst nicht beobachtet – eine seltsame Situation. Gegen 17 Uhr wird der Himmel etwas heller und schimmert leicht gelblich-golden. Dass die Tage endlich länger werden, ist nach den langen, dunklen Wintermonaten ein Lichtblick. Weil ich nur im Homeoffice arbeite, brauche ich als Ausgleich „Auslauf“ an der frischen Luft. Bald kann ich den nach Feierabend im Hellen genießen. Mit diesem Gedanken geht meine Stunde um 17.12 Uhr vorbei.«

01.02.2021 Antoinette Schmelter-Kaiser Aussicht