07:43 Uhr I Tine

»Sprühregen. Der Himmel ist wolkenverhangen, ein schweres Weiß-Grau, kein Sonnenrund zu entdecken. Der leichte Regen geht plötzlich in winzige Flöckchen über. Langsames Niederschaukeln, hauchzarte Schneedecke ringsum. Die Ziegelformate der Dächer bekommen dadurch ganz neue Konturen. Winzige Schneefleckenreste entdecke ich, die an wenigen Stellen noch übrig sind, welche die Spätjanuarsonne nie erreicht. Eine Krähe frühstückt auf der Dachrinne gegenüber einen großen Brocken Brot. Der Baum vor dem Haus ist offensichtlich ein Treffpunkt: ein Blaumeisenpärchen ist zweimal dort im Geäst. Vogelgezwitscher ist gelegentlich ganz leicht zu vernehmen. Auch Menschen sind am Sonntagmorgen unterwegs: ein Kommen und Gehen – zum Gassigang, zum Bäcker. Zwei Trambahnen stadtauswärts und zwei stadteinwärts brausen ihres frühen Wegs. Rollläden in der Nachbarschaft sind zu hören, die hochgezogen werden. Zeichen, dass der Tag beginnt.

Auch innere Beobachtungen stelle ich an. Beim Blick aus dem Fenster kommt mir der Fensterausschnitt wie ein Symbol für den eigenen eingeschränkten Blick vor. Wie ein persönlicher Rahmen, dem man selbst beim Blick auf die Welt „ausgesetzt“ ist. Was ist eigentlich mein heutiges Äquivalent zu den damaligen Aufgaben eines Türmers – nämlich die Stadt und ihre Menschen vor Unheil zu bewahren? Übersetzt ins Heute kann Türmer-Sein bedeuten: Auf Familie, Freunde, mich selbst aufpassen. Ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken. Auf wie vielen Türmen ich in meinem Leben wohl schon gewesen bin? Auf Kirchtürmen, Stadtmauertürmen, Burgtürmen. Ihre Funktion ist oft das Beschützen und Bewahren vor Unheil, aber auch Zufluchtsort zu sein. Vielleicht ist dies immer noch Aufgabe auch eines modernen Türmers.«

31.01.2021 Tine Aussicht