16:08 Uhr I Claudie Elsäßer

»16:08 Uhr: mein Türmer-Dienst beginnt. Es ist windig und außer den Autogeräuschen höre ich die Absperrbänder der Baustelle gegenüber im Wind flattern und pfeifen. Aber welch ein Blick! Es ist ein Gemälde, vor dem ich stehe, hier auf meinem kleinen Schemel, um besser herausschauen zu können: In der unteren Bildhälfte das statische, solide, von Menschenhänden Gebaute, historische Ziegelmauern und die Dächer gedeckt mit Biberschwänzen. Hinter den Viehhofgebäuden reihen sich moderne Bauten ein, die Farben rostrot bis bunt bis zum klaren Weiß des neuen Volkstheaters. Die Gebäude scheinen sich aneinander zu drängen, so dicht stehen sie. Die Bäume, als Bindeglied zum Himmel, lugen zart und schüchtern dazwischen raus. Sie haben es nicht leicht… Darüber ist es dynamisch, die Wolken ziehen auf verschiedenen Ebenen aneinander vorbei, lösen sich auf und verbinden sich wieder. Und die Vögel tun es ihnen gleich; auf und ab geht der wilde Flug. Ab und zu taucht ein Vogelschwarm auf und tanzt in den Böen. Es wird dunkler, in Sendling werden die Lichter eingeschaltet, Scheinwerferlichter auf der Straße. Es fängt an zu tröpfeln. Die Stunde ist vorbei, doch die weiße Kaaba leuchtet und wacht weiter.«

29.01.2021 Claudie Elsäßer Aussicht