16:03 Uhr I Kirsten

»Nun hat also mein Türmerstündchen geschlagen, bei grauem Schneehimmel und mit Blick nach Osten. Vom Sonnenuntergang werde ich wohl nicht viel mitbekommen. Unter mir ein kleiner Park mit spielenden Kindern. Sie toben wild im Schnee, doch es dringt kein Laut zu mir herauf. Überhaupt ist die plötzlich eingetretene Stille sehr beeindruckend. Ich stehe an meinem Arbeitsplatz im Gasteig, der sonst immer voller Leben und Hektik ist, habe alle Geräte ausgeschaltet, die Tür verschlossen – und dann plötzlich absolute Stille. Es fühlt sich irgendwie falsch an, die besinnliche Stunde passt nicht ins Büro. Dennoch war mir der Ausblick vom Gasteig wichtig, denn für diesen Ort wurde das Türmerprojekt geplant. Wegen der Sicht auf die Stadt? Oder wegen der Bedeutung des Orts für die Stadt? Vielleicht wegen der bevorstehenden Sanierung? Ich bin neugierig,  wie sich München verändern wird. Über dem Hausdach gegenüber sieht man den Werksviertel-Schriftzug herüber leuchten und manchmal im Schneegestöber verschwinden. Auch dort entsteht Neues, es gibt Perspektiven. Doch im Moment ist es viel zu ruhig hier. Wo sind jetzt all die Menschen, die im Kulturbetrieb beschäftigt /derzeit unbeschäftigt sind? Schon seit Monaten fehlt das Leben im Haus. Die Bänke unten im Park sind leer, es liegt Schnee darauf, aber auch im Gasteig bleiben alle Sitze leer. Wo wärmen sich jetzt die Menschen, die kein Zuhause haben? Als Türmerin kann ich im Warmen stehen, doch was ist meine Aufgabe? Über die Stadt wachen und vor Gefahren warnen? Welchen Sinn hat diese Türmerstunde? Ich fühle mich erinnert an die Lektüre von Buzzatis „Tatarenwüste“: Jahrzehntelanges Warten, wachen und Vorbereitung auf eine Gefahr, die vielleicht gar nicht existiert. Am Ende hat sich doch noch ein Sinn erschlossen, also überlege ich weiter. Die Türmer sammeln Momentaufnahmen von der Stadt vor ihren Fenstern – Puzzleteilchen, die sich zu einen unvollständigen Bild zusammenfügen werden. Im Haus gegenüber joggt jetzt eine Gestalt mit Mütze und Schneeschaufel auf dem Balkon hin und her. Ich muss lachen und verewige dieses Bild auf meinem Puzzleteil. 730 Türmer mit ihren Gedanken, Texten, Fotos – das wird Poesie, schafft Verbindungen und regt zum Nachdenken an, vielen Dank dafür! Draußen ist es inzwischen kaum merklich dunkler geworden, der Spielplatz leert sich, meine Stunde müsste nun bald vorbei sein – und tatsächlich klingelt der Wecker!«

26.01.2021 Kirsten Aussicht