07:50 Uhr I Jasmin Rimmele

»Ich habe lange überlegt, ob es einen speziellen Anlass geben sollte (oder auch Purpose), den ich mit in diese Stunde, bewusst, nehmen sollte. Ich hatte mich dann aber dagegen entschieden und wollte mich dem öffnen / hingeben, was draußen wartete. Zugegebenermaßen saß ich schon öfter für längere Zeit am gleichen Ort wie heute Morgen, allerdings nicht in dieser kompletten Achtsamkeit.

Zum Anfang meiner Stunde – 7:50 Uhr – war alles ruhig und fast grau. Hin und wieder schleppte sich ein Montagsmüder durch die Straße, um seinen Wochenendmüll zu entsorgen. Wie alle Menschen danach streben (in dieser Zeit besonders), sortiert in die Woche zu starten. Ich selbst kämpfe anfange auch sehr stark damit, mich auf die Situation einzulassen und nicht gleich den Terminkalender imaginär durchzugehen, inklusive Strukturierung der nächsten To Do’s. Die Sonne kommt raus und blitzt auf das Kupferdach gegenüber, nur oben im 5. Stock 2 Balkone haben noch Sonne, der Rest ist dunkel, die Vögel zwitschern. The blessed ones.

Die Vögel fliegen munter von einer Baumspitze zur anderen. Jagen sich, jagen Würmer. Wir Menschen wollen immer eine Vogelperspektive einnehmen – doch als Vogel siehst du nicht die Ganzheit deiner Perspektive, sondern sehnst dich im Idealfall nur nach Futter. Wir, als Mensch, versuchen die Vogelperspektive als hegemoniale Vormachtstellung für Probleme zu kategorisieren, ganzheitlich, umfassend. Dem Vogel ist das egal – er weiß im Zweifel nicht einmal, was Menschen an ihm attribuieren. The blessend one?

Es fängt an zu schneien. Erst langsam und undicht, dann immer schneller. In der erneuten Grauheit wirken die Flocken als starker Kontrast. Es vergeht einige Zeit, bis man fast nicht mehr zur Hauswand gegenüber sieht. Die Vögel sind weg. Sie sehen im Flockengestürm auch nichts mehr, warten auf ihren Bäumen und Nestern. Warum assoziieren Menschen, in Zeiten von Problemen und Schneegestöber, die Vogelperspektive als Ansatz? Vögel sind hier genauso blind.«

25.01.2021 Jasmin Rimmele Aussicht