07:52 Uhr I Angela Fedelina Pellegrino

»Still gestanden! Perseveranza: Durchhaltevermögen.

Ich stehe bei leichtem Schneefall in der Kälte, der Balkon bietet eine gute Aussicht. Nach Süden auf das Dach des Deutschen Museums, nach Osten auf den Kirchturm der St.-Wolfgangs-Kirche. Leicht rieselt der Schnee, in der Tat. Die Türmer-Stunde, meine Türmer-Stunde über München hat angefangen und das Außen ist ganz präsent. Ich sehe, höre, fühle, beobachte, erspüre, fange langsam an zu frieren. Zwei Vögelchen – noch nie hier in den kahlen Bäumen entdeckt, fliegen von Ast zu Ast. Ich höre das Bimmeln der Trambahn, die Schritte der ganz wenigen Frühaufsteher an einem Samstagmorgen und im 2. Corona-Jahr; spüre den aufkommenden Wind, fühle die weichen Schneeflocken auf meiner Nasenspitze.

An den gegenüberliegenden Hauswänden entdecke ich ein Graffiti, erst eins, dann das zweite. Beide wohl von derselben Hand kreiert. Ich erkenne in einer sogenannten „Hundepinkel-Fläche“ einen kleinen Stein-Kreis, wie schön, da muss wohl jemand aus der Nachbarschaft ein Bäumchen frisch eingepflanzt haben. Fernblick nach rechts, nach links. Ich bin weiterhin im Außen, nehme die aufwachende Stadt mit allen Sinnen auf und die Stadtgeräusche erklingen deutlich: die Laufschritte einer Jogggerin, das laute Böllern eines vollgepackten Einkaufswagens, der von einem Clochard über das Kopfsteinpflaster geschoben wird.

Wieso mache ich das hier? Wieso stehe ich hier und gebe den Türmer? Et voilà: Jetzt bin ich im Innen. Die Aussicht auf das Deutsche Museum – ein Glücksgefühl durchströmt meinen leicht ausgekühlten Körper. Und der Blick in den weiten Himmel, wenn gerade auch jetzt grau und bedeckt, erfüllt mich mit Freude. Ein Gedanke schließt mir durch den Kopf: „Das gilt für alle Welten, die du nicht betrittst. Diese Welten existieren für dich nicht.“ Mit der Teilnahme an diesem Kunstprojekt für mich aber schon. Ich bin bei mir, meinem Leben, meinen Reisen, meinen Trauer- und Glücksmomenten, meiner Familie: sehe meinen Vater wie er in den 1950er Jahren beim Wehrdienst, von Rom in den äußersten Norden Italiens abgeordert wurde und die Nächte Wache stehen musste. So wie ich jetzt, als sentinella. Er ist ab und an dabei eingenickt. Ich jetzt nicht, ich halte die Stunde durch, so wie ich schon einiges durchgehalten habe – und meistens hat es sich danach wunderbar angefühlt. Gefühle von Stärke und Stolz sind unbeschreiblich.

Mein Body fängt an, wehzutun. Ich gehe ein paar Schritte auf und ab. Et voilà: Ich bin wieder im Außen. Zwei Eichhörnchen rennen über die nasse Straße, suchen nach was Essbarem, laufen um die Wette. Eins fuchsrot, das andere schwarzbraun. Sie flitzen die Bäume hoch, spielen Fangen, hangeln sich die Äste entlang. Meine Blicke verfolgen sie. Irgendwann verliere ich sie aber im Dickicht der berankten Hauswand. Et voilà: Plötzlich ist die akustische Erinnerung wieder da: die Stimme meiner Mutter, wie sie das unglaublich schwierigste Wort für sie auf Deutsch sagt [aschintschontsche] = Eichhörnchen. Die Stunde ist um.«

23.01.2021 Angela Pellegrino Aussicht