15:54 Uhr I Emma Hofstetter

»Der Himmel ist mit feinen Dunstwolken überzogen, ich kann den Mond sehen, die Sonne hängt schon zu tief hinter anderen Häusern versteckt. Alles sieht aus wie immer und doch ganz anders, das Hausnummernschild von der Fünf hängt endlich wieder richtig herum, die Straße ist nicht so dicht beparkt wie sonst und die Sonne hat tagsüber den Schnee weggeschmolzen. Ich merke nur an dem höher steigenden Mond, dass die Sonne untergeht, alles andere bleibt unverändert. Viele Leute kommen vorbei, keine Jacke ist mehr bis obenhin geschlossen, aber fast jeder trägt eine Mütze und einen Schal, ist es windig draußen? Keine Taube ist in Sicht, sonnen sie sich lieber auf höheren Hausdächern? Im Haus gegenüber passiert heute viel, Leute gehen rein und raus, Lichter gehen an und aus, Menschen tauchen in den Fenstern auf und verschwinden wieder und der Laden im Erdgeschoss ist gut besucht. Sieht der eine Mann mich, wenn er aus dem Fenster schaut? Er sieht sehr vertieft in seine Arbeit aus. In einem anderen Fenster steht ein zweiter Mann, er raucht und schaut auch auf die Straße unter sich, er hat mich nicht gesehen. Hinter einem dritten Fenster setzt sich eine Frau hin zum arbeiten, vielleicht sieht sie mich, wenn sie rausschaut. Ich sehe so viele Menschen, aber niemand schaut nach oben und sieht mich. Ich bin kein Teil ihrer kleinen Welten, heute bin ich nur Beobachter.«

20.01.2021 Emma Hofstetter Aussicht