07:55 Uhr I Niklas

»Ein Lärmschutzwall entlang des Rangierbahnhof München Nord, zwischen Moosach und Feldmoching-Hasenbergl. Bislang unscheinbare Kulisse meiner morgendlichen Joggingstrecke, heute jedoch Schauplatz meiner Türmer-Stunde bei gefühlten minus 5 Grad.

Diese lässt sich munter an, denn es gibt viel zu sehen: Autos rauschen im Hintergrund über die B 304, Jogger überqueren die Fußgängerbrücke und Güterzüge ächzen mühsam über das Kiesbett. Sogar die Alpen zeigen sich, wie sonst nur auf den Postkarten des Stadt-Marketings, während sich die Sonne rötlich schimmernd hinter den Olympiaturm schiebt.

Interessant ist für jeden Türmer zu beobachten, was das eigene Bewusstsein mit der neu gewonnenen Freiheit anfängt. Meines mag es offenbar zu zählen: acht Lokomotiven ziehen vorbei, auf einen Güterzug mit 20 Wägen passen 120 neue BMWs, und gefühlte zwölf Minuten dauert es, bis auf dem vereisten Weg hinter mir der erste Radfahrer schwungvoll, aber zum Glück unversehrt die Bodenhaftung verliert. Die Tendenz, unsere Umgebung zu quantifizieren, ist offenbar stark eingeprägt.

Erst mit der Zeit wandert der Blick von außen nach innen. Der Berufsverkehr ebbt ab, die Schritte der Fußgänger werden leiser und auch die Züge drosseln – zumindest gefühlt – ihr Tempo. Doch bevor sich Kontemplation einstellt, senden die ersten Körperteile bedenkliche Signale. Die Gedanken kreisen weniger um das Leben an sich, als um das zweite Paar Socken, das auf der heimischen Heizung liegt.

Und während sich die Stunde ihrem Ende zuneigt, schiebt sich das Bewusstsein unaufhaltsam in den Vordergrund: Was nehme ich aus der Erfahrung mit? Habe ich mich verändert? Hat es sich gelohnt? Die Schärfe dieser Selbstinquisition überrascht mich nicht – aber doch meine Reaktion. Denn die Fragen verhallen unbeantwortet über die 13 Gleise des Rangierbahnhof München Nord.

Wie viel kann in einer Stunde passieren? Sehr viel, und doch fast nichts. Selbst an diesem ruhigen Ort sammeln wir hunderte Sinneseindrücke. Haften bleibt jedoch vor allem das Gefühl, sich selbst – und seiner Stadt – ein Stück näher gekommen zu sein.«

20.01.2021 Niklas Aussicht