07:56 Uhr I Uli Fürst

»… und am Ende war alles ganz klar: wo ich stehe und über die Stadt schaue. Und die Stunde war so unglaublich schnell vorbei.
Wir sind ja Türmer ohne Kirchturm – säkulare Türmer – und jetzt wegen Covid auch ohne das Häusl auf dem Gasteig, auf das ich mich soo gefreut hatte. Auch als säkularer Türmer will ich steinere Stufen steigen, über die Stadt sehen können. Sie bewachen… beschützen tut ein Türmer nicht. Nur achten, dass ein Übel, das er nicht verhindern kann, sich ausbreitet. Also, Blick und Raum finden. Ausloten, was ist in dieser merkwürdig hysterischen oder doch ernsthaft bedrohlichen Corona-Zeit möglich; und siehe da, der Friedensengel-Sockel ist betretbar, der Bauzaun weg. Also rauf. Wie hell die Welt schon ist. Das unglaubliche Rosa-Leuchten vor Sonnenaufgang („rosenfingerige Eos“) habe ich gerade noch von zu Hause aus gesehen. Jeder Blick in den Himmel findet neue Farben und Wolkenformen. Die ersten Minuten fühlen sich lange an – bis die Minutenzeiger der Uhr am Nationalmuseum hinter den Häuserdächern abtauchen. Ich fühle mich noch unsicher da oben. Und dann fliegen Möwen, Tauben – solche Flugkünstler auch sie – ein paar Krähen, Enten. Sie fliegen entlang der Isar, wie wenn das ihre Hauptstraße wäre, in unterschiedlichen Flughöhen.
Die Geräusche der Autos stören mich gar nicht dieses mal. Ich kann das Knirschen der Fahrradreifen trotzdem hören, und Stimmen, und Schuhknistern auf Schnee – man hört wohl nebeneinander? Mal nach Osten schauen: dort wird’s jetzt golden, die Sonnenscheibe ohne Konturen hinter Milchwolken. Jetzt bin ich völlig beschützt hier – mein Raum. Am Ende der Prinzregentenstraße ist ein Haus sichtbar. Das Haus, in dem Hitler gewohnt hat?? Hässlicher Gedanke, und drängt sich in München ja doch immer wieder auf. Als ich ein kleines Mädchen war (morgen ist mein 57. Geburtstag), waren hier noch manchmal Kriegsschäden zu sehen. Leere Grundstücke. Armeemuseum unbetretbar. Der „Schuttberg“, ein Haufen von Steinen, und noch kein begrünter Olympiapark. Für uns normal. Nicht arg, nur eng.

Lieber nach Westen schauen! Der Himmel wird dunkler blau. Mengen von Lastfahrrädern auf dem Weg. Kinder sehe ich keine. Ein Jogger in Blau stellt die Schneestatue des Engels wieder auf ihren Schneesockel, die war heruntergefallen. Ein kleines Kunstwerk. Im Osten ist die Sonne jetzt deutlich über dem Horizont. Ein ziemlich kräftiger Mann im Sanka trinkt an der Ampel wartend, aus einer Flasche. Ein Schneepflug fährt vorbei, und wieder grüßt die Krähe irgendeinen Kumpel.

Und jetzt bin ich doch völlig gerührt, tief dankbar – für das Leben, die Sonne, die Zeit auf dieser Erde, die Bewusstheit, die Sicherheit, in der wir leben dürfen – es kommt Hilfe, wenn wir sie brauchen. Und für die viele Zeit für mich selber, weil ich mich um so vieles Lebensnotwendige nicht mehr selber kümmern muss. 8.56 Uhr Ich gehe jetzt heim.
PS: Um 8.55 flogen zwei Schwäne die Isar hoch nach Süden.«

 

19.01.2021 Uli Fürst Aussicht