07:57 Uhr I Ann-Sophie Falk

»Montag 7.57 Uhr. Sonnenaufgang. Es war nicht so kalt wie ich befürchtet hatte und es schneite zum Glück nur ein klein bisschen. Heute war mein Tag, meine Stunde, in der ich Wache gehalten habe. Ich habe mir den Ort bewusst ausgesucht, hoch oben. So konnte ich über die weite Landschaft blicken. In der Ferne sah ich schon zu früher Stunde das rege Leben. Autos und Züge fuhren vorbei, selbst ein Flugzeug ist gelandet. Menschen die von A nach B eilten. Doch von all dem habe ich nichts gehört. Ich war weit genug weg, und genoss die Stille. Hinter mir liegen schwere Zeiten und schwere Zeiten stehen mir noch bevor.

Und doch stand ich nun dort und fühlte mich geehrt, diese Aufgabe an diesem Morgen zu übernehmen. Während ich an Vergangenes dachte, kam mir der Gedanke, dass es mir trotz allem noch gut geht. So viele Menschen müssen an Krankheiten leiden, hungern und sterben, und das alles aus einem Ungleichgewicht heraus. Ich setze mich für die Umwelt, für Mitmenschen, für Langlebigkeit und Nachhaltigkeit ein. Warum machen das nicht alle Menschen? Hat es nicht jeder Mensch verdient, zu leben?  Meine Gedanken schweiften. Ich dachte an die Zeiten, in denen mir so vieles mehr möglich war als heute. So hatte ich früher zu wenig Zeit, nun zu viel. Und trotzdem vergeht sie voller Hektik viel zu schnell. Man sollte sich mehr Zeit für sich nehmen. Sich ab und zu als Belohnung was gönnen, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist.

Es wird heller, doch das Grau bleibt bestehen. Einzelne Windböen sind doch sehr kalt. Ich dachte an meine Familie und Freunde. Wie weit uns doch die Zeit auseinandergebracht hat. Ich wusste in diesem Moment, dass ich heute noch ein paar Runden mit meinen Liebsten telefonieren werde. Ich habe 2019 und 2020 so viele geliebte Menschen verloren. In meinem Kopf spielte die Musik von Jonas David „Farewell“ und ich wurde sehr emotional. In der Ferne klingelte ein Wecker, so verging die Stunde doch sehr schnell, zu schnell. Ich blieb noch einen kurzen Augenblick, um kräftig durchzuatmen und für das zu danken, was ich habe. Danach habe ich mich auf den Heimweg gemacht. Ich freute mich auf ein paar Stunden zu Hause, auf meine Badewanne, Wärme und auf einem guten heißen Café. Bleibt gesund!«

18.01.2021 Ann-Sophie Falk Aussicht