07:59 I Anna Veit

»Samstagmorgen – nach einer anstrengenden Woche im Homeoffice (lockdown „megalight“ bzw. „hart“?). Was mache ich, stelle mir einen Wecker, um aus dem Fenster zu schauen. Sonnenaufgang? Fehlanzeige. Ein Trauerspiel in hellgrau plus vereinzelt tanzende Schneeflocken. Mist, so habe ich nicht einmal Anhaltspunkte, wie viel Uhr es sein könnte. Eine Stunde, das ist lang. Eine Stunde ohne Uhr, das ist noch viel länger. Wie sehr mein Alltag von der Uhrzeit bzw. dem Wissen der exakten Uhrzeit bestimmt ist. Immer weiß ich, wie viel Uhr es ist, wann ich einen Termin habe oder etwas Bestimmtes mache; wann ich aufhören kann, etwas zu machen und wie lange ich für etwas brauche.

Sollte ich mich im Alltag mehr „treiben“ lassen (zumindest im Privaten) und weniger nach dem von mir gesetzten Zeitplan, sondern nach der tatsächlichen Zeit leben?

Ich bin müde und denke an die Arbeit. Niemand in den Häusern/Wohnungen gegenüber scheint wach zu sein. Auch in meinem Haus ist es sehr leise. Was für ein Unterschied jetzt 1 Stunde später, während ich das schreibe. Plötzlich geschäftiges Treiben auf der Straße. Alle haben etwas zu tun, ein Ziel, müssen irgendwo hin. Und ich schaue weiterhin aus dem Fenster, denke ans Bett. Wie herrlich angenehm es ist, zu sitzen. Dass Stehen so anstrengend ist… Immer noch bin ich müde, aber gleichzeitig sehr wach – freudig erregt, es kribbelt alles in mir. Gleichzeitig bin ich sehr emotional. Sollte ich mir mehr Zeit für mich nehmen? Mehr Ruhe schaffen, also öfters türmen? Trotz der vermeintlichen Lockdown-Ruhe herrscht so viel Unruhe. Wie schön, dass ich daher 1 Stunde über meine Straße gewacht habe, welche sonst über mich wacht.

Ich bin bereit für den Tag (und einen Kaffee).«

16.01.2021 Anna Veit Aussicht