8:04 I Kilian Ihler

»Ich bin erstaunt, wie lange eine Stunde ist, überrascht, wie still es mit einem Mal geworden ist, als ich versucht habe, alle Ablenkungen um mich herum auszuschalten und mich eine Stunde lang mit meinem Blick auf das Geschehen zu konzentrieren, das sich vor dem Fenster meines Arbeitszimmers abspielt. Ich merke schnell, dass es gar nicht so still ist, beobachte den beständigen Strom von Passanten, lausche dem leisen Rauschen der vorbei fahrenden Autos und dem Rhythmus der Straßenbahn. Ich stelle fest, wie schnell meine Wahrnehmung immer wieder von außen nach innen kippt. Ich nehme kurz Teil an dem bewegten Bild draußen, dem kleinen Ausschnitt Leben und den Menschen, die vorbeiziehen und doch bin ich immer wieder bei mir, meinen Gedanken, Bildfetzen des Vortags, Nachrichten, Gesprächen, Überlegungen, merke, wie unkonzentriert ich bin, spüre nach einer Weile des Stehens meinen Körper, die Füße kalt, das Klopfen meines Herzens im Ohr, dumpfe Schmerzen im Rücken. Ich ermahne mich immer wieder, mit dem Blick nach draußen zu gehen und wandere doch nach kurzer Zeit wieder in meinen unruhigen Gedanken. Ich bin dankbar als nach einer dreiviertel Stunde etwas Ruhe in mir einkehrt und ich mich ohne Ablenkung in mir aufmerksam dem Treiben auf der Straße widmen kann.«

05.01.2021 Kilian Ihler Aussicht