8:03 I Stefan Becher

Ich mag den frühen Morgen und wollte der Stadt beim Erwachen zusehen. Der Zeitpunkt für meine Türmerstunde war also leicht zu bestimmen: ein Sonntag bei Sonnenaufgang, kurz nach Jahreswechsel.

Schwieriger war die Wahl des Ortes. Das Fenster vor dem ich seit einem Dreivierteljahr in der Nähe des Mariahilfplatzes im Homeoffice lebe, war mir zu vertraut und eng. Außerdem wollte ich trotz Corona einen Bezug zum Gasteig und dem Aussichtsraum auf dem Dach der Philharmonie herstellen. So komme ich noch bei Dunkelheit am Wehrsteg zwischen Müller’schem Volksbad und St. Lukas an. Ein offener Ort, von dem aus ich den Aussichtsraum auf dem Gasteig sehen kann. St. Lukas schlägt 8 Uhr, kurz darauf geht im Aussichtsraum das Licht an: 8:03 – meine Stunde beginnt.

Ich hatte nicht damit gerechnet, wie lebendig es trotz des trüben Wintertages hier auf dem Steg ist. Tauben hatte ich erwartet. Nicht aber Möven, Gänse, Raben, Eichhörnchen und sogar Singvögel. Und es sind nicht wenige, es sind ganze Schwärme, ziemlich laut sogar.

Nach einiger Zeit wird es plötzlich ruhig. Auf der anderen Isarseite ist ein Mann mit dem Fahrrad und Schutzweste gekommen. Offenbar füttert er die Vögel.

Auch unter dem Kabelsteg wohnt ein Mensch. Ich bin ohne ihn zu bemerken in der Dunkelheit an ihm vorbeigegangen. Jetzt ist er aufgewacht und raucht. Wir stören uns nicht.

Jede Viertelstunde schlägt die Glocke von St. Lukas. Die Isar ist klar, ich kann bis auf den Grund sehen. Es ist wenig Wasser da. Der Kies schichtet sich vor dem Wehr wie ein Zen-Garten.

Wie es wohl im Aussichtsraum gewesen wäre? Offensichtlich wärmer, sicher aber auch herausgehobener, vielleicht distanzierter?

Ich stehe ruhig und versuche die Stadt zu spüren. Da ist viel mehr als die Jogger und Gassigeher. Ich bin dankbar, dass ich zu dieser Stadt gehöre und für eine Zeit Teil von ihr bin. Zumindest die Vögel haben mich akzeptiert, sie halten keinerlei Abstand mehr. Ich gehöre dazu.

St. Lukas und die Glocke im Turm des Müller’schen Volksbades schlagen im Wechsel. Kurz darauf geht im Aussichtsraum das Licht aus. Meine Stunde ist vorbei, eine wertvolle Erfahrung bleibt.