15:31 I Floor Hoogland

»Ich bin Zuhause, statt auf’m Dach des Gasteig. Ich schaue über mein Viertel, statt über München.
Ich bin Türmer beim Sonnenuntergang, statt erst in ein paar Tagen beim Sonnenaufgang. Jemand sprang ab, ich springe ein und widme mich meiner Beobachtung.

Im Dachspitz des Hauses, in dem ich mit meiner Familie wohne, ist ein schmales Fenster, welches mir Ausblick auf einer belebte 4-spurige Straße mit einem Gleisbett in der Mitte bietet. Die Zeit wird bald strukturiert durch die vorbeifahrenden Trams. Die Intervalle sind mal kürzer, mal länger. Eine ganze Zeit lang kommen sie nur aus einer Richtung. Anscheinend ist außerhalb meines Blickfeldes etwas passiert, was blockiert. Irgendwann ist es wieder frei und aus der anderen Richtung kommen nun 4 Trams nacheinander. Meine Gedanken schweifen immer wieder ab, um dann wieder eingefangen zu werden von Trivialem: einer Joggerin mit den kleinsten Trippelschritten, die ich je gesehen habe. Gute Vorsätze, mehr zu bewegen? Zwei Männer radeln zusammen stadtauswärts. Beide gekleidet in langen Mänteln und mit seltsam altmodisch anmutenden Hüten. Hmmm….. wo gehen die wohl hin? Mein Nachbar von Gegenüber verlässt das Haus. Wir kennen uns und wenn ich auch auf der Straße wäre, würden wir uns zuwinken. So aber sehe ich nur ihn und beobachte weiter und schweif mit meinen Gedanken wieder ab. Irgendwann bemerke ich, dass hinter einigen Fenster nun das Licht an ist. Kleine kuschelige gelbe Fleckchen, die sich absetzen vom restlichen Grau. Die nächste Tram gleitet wie ein fahrendes Wohnzimmer, im warmen gelben Licht getunkt, vorbei. Es ist kalt unterm Dach und es ist langsam unbequem, so lange nur zu stehen. Ich freue mich, wenn der Wecker klingelt, schieße schnell beide Fotos und gehe runter zu meiner Familie ins warme und beleuchtete Wohnzimmer.«

02.01.2021 Floor Hoogland Aussicht