15:29 I Annette Würth

»Es ist so weit, 15:29 Uhr, meine Stunde als Türmer hat begonnen. Ich stehe warm angezogen auf dem Balkon im 2. Stock und blicke nach Westen. Von hier kann ich auf die Rückseite des Altenheims Schwabing sehen.

Welche Kraft die Sonne noch hat! Mit geschlossenen Augen genieße ich für einige Zeit die letzten Sonnenstrahlen. Seit langem bin ich das erste Mal wieder alleine. Ich finde das sehr schön und habe mich darauf gefreut. Vögel zwitschern als ob es Frühling wäre. Einer der Buntspechte, die in den hohen, alten Bäumen des Altenheims wohnen, fliegt laut rufend von Baum zu Baum.

Ein junges Paar kommt den Weg entlang. Sie zieht ihre Maske hoch und verschwindet im Altenheim. Wenig später erscheint sie wieder und hält strahlend ein Amazon-Päckchen in der Hand. Vermutlich hat es der gleiche Paketbote zugestellt, der kurz vorher auch noch bei uns geklingelt hat, als ich das letzte Mal mit meiner Betreuerin Patricia Strauß telefoniert habe.

Es wird kälter. Die Sonne ist zur Hälfte hinter den Häusern verschwunden. So langsam komme ich in den Flow und das Sehen, Beobachten und Hören wird immer spannender. Eine Kirchturmuhr schlägt dreimal. Es muss 15:45 Uhr sein. In der Baumkrone bewegt sich der Mistelzweig. Ich bin überrascht, denn ich habe keinen Luftzug gespürt und andere Blättchen bewegen sich auch nicht. In den nächsten Minuten schieben einzelne alte Damen ihre Rollatoren über das Gelände. Das Geräusch, das diese Stunde prägen wird, sind die ankommenden und abfahrenden Busse an der Haltestelle.

Es dämmert immer mehr. In kleinen und größeren Schwärmen kommen aus dem Norden Krähen angeflogen. Im Spätsommer und Herbst lassen sie sich abends auf dem Dach des Altenheims nieder. Zu meiner Überraschung fliegen sie jedoch weiter. Erst im Gegenlicht der untergehende Sonne sehe ich sie aufgereiht wie Perlen auf der Dachumrandung eines weit entfernten Hauses sitzen. Flugzeuggeräusche dringen an mein Ohr. Es fliegt nach Süden und zieht im letzten Sonnenlicht einen Kondensstreifen hinter sich her. Fernweh kommt bei mir hoch! Es wird das einzige Flugzeug in dieser Stunde bleiben.

Ein erster, zaghafter Silvesterknaller, dann wieder einer. Kinder lassen Knallerbsen krachen. Ich freue mich schon lange auf ein Feuerwerk, – müll- und feinstaubfreies Silvester. Hoffentlich läuten die Kirchenglocken das neue Jahr ein!

Nach und nach gehen einzelne Lichter gegenüber im Altenheim an. Erstaunlich, erst durch die verschwindende Sonne tritt nun das Altenheim langsam aus der Dämmerung hervor. In letzter Zeit muss ich häufiger an die Bewohner und Mitarbeiter dort denken. Wie es ihnen wohl geht? Ob bei ihnen die Impfungen schon begonnen haben?

Mein Handywecker klingelt, 16:29 Uhr. Ich kann es nicht glauben, wie schnell die Stunde vergangen ist. Und als ob sie vom Klingeln aufgeschreckt worden sind, erhebt sich weit in der Ferne der gesamte Krähenschwarm und zieht davon.

Ein sehr besonderes Jahr geht seinem Ende zu. Wie wird unsere Stadt, unser Land, unsere Welt in einem Jahr aussehen? Ich bin dankbar für vieles, was trotzdem möglich, schön und besonders war – wie dieses großartige Kunstprojekt. Und voll Zuversicht, was uns das Jahr 2021 bringen wird.«

31.12.2020 Alexandra Würth Aussicht