8:04 Uhr I Marie Désarménien

»Ich wache innerhalb von 5 Tagen zum 2. Mal. So ist es nicht gedacht, im Türmer-Projekt. Man hält die Wache nur einmal im ganzen Jahr. Es sei denn, man ist Begleiterin, und die Türmerin erscheint nicht. Wie heute Morgen. Ich ärgere mich über ihr Verhalten, das ich als unsolidarisch und sorglos interpretiere.

Ich nehme den Platz ein, aber die Vorfreude und die innere Einstellung sind nicht dieselben, wie beim ersten Mal. Ich fühle mich fremdbestimmt, und das weckt Widerstandsgedanken in mir. Passendes Thema in Corona-Zeiten…

Ich habe ein anderes Fenster gewählt. Die Nordseite. Es fahren unzählige Autos vorbei, und einige Busse. Eins von den vier Eichhörnchen kommt, auf der Suche nach Nahrung. Es wühlt im toten Laub, ich lasse oft Nüsse am Fuß des Ahorns, aber andere Tiere waren schneller und es findet nichts.
Nachbarn stehen auf und gehen ihren menschlichen Tätigkeiten nach, ein paar Meter von mir weg. Niemand bemerkt mich.

Die Sonne, immer in Bewegung, widerspiegelt sich auf den Fassaden eines bekannten Münchner Hochhauses. Orange, noch kalt, dann immer heller und gelb.

Die Nachbarn leben an der Südseite, ich stehe an der Nordseite und bleibe im Schatten.

Es wird ein schöner Tag, der letzte dieses Jahres in unserer menschlichen Zählung. Dem Universum und den Meisen in der Hainbuche ist es schnurzpiepegal.«

31.12.2020 Marie Désarménien Aussicht