8:04 I Josef Maiwald

»Normalerweise ist der Sonnenaufgang kein besonderes Ereignis. Ich nehme es als Selbstverständlichkeit hin.

Heute jedoch begann mit Sonnenaufgang mein Engagement als Türmer. Die Sonne war noch nicht zu sehen. Mich erfüllte eine Vorfreude, dass ich nun bald erleben werde, wie die Sonne nach und nach hinter den Häusern zum Vorschein kommt.

Es dauerte jedoch noch eine ganze Weile und mir kamen Gedanken in den Sinn, wie es wohl Generationen vor uns ging, die nicht einfach das Licht am Schalter anknipsten und für die der Tag erst beginnen konnte, wenn das Sonnenlicht hell genug war. Die Sonne ließ noch auf sich warten. Ich versuchte, alle Gedanken, was ich heute noch erledigen werde, zur Seite zu schieben und nur das zu beachten, was ich wahrnehmen konnte: die Bäume mit ihren Verzweigungen und Verästelungen, den Schnee mit seinen Strukturen und den Spuren, die das Schneeschaufeln und Fußgänger hinterlassen hatten, die Silhouette der Häuser usw. Ab und zu fuhr ein Auto die Straße entlang oder ich konnte einen fliegenden Vogel beobachten, bis er am Horizont verschwand. Was für ein Unterschied: das dröhnende Auto, das ich auch durch das geschlossene Fenster deutlich hören konnte und der lautlose Vogel.

Endlich blitzten die ersten Sonnenstrahlen über einem Dach hervor. Ich konnte nun förmlich zusehen, wie die Sonne immer heller wurde bis sie schließlich so blendete, dass es angenehmer war, die Augen zu schließen. Ich spürte nach, ob auch ein wärmender Effekt auf der Haut zu merken war. Aber die Kraft der Sonne reicht wohl Ende Dezember – noch dazu am frühen Morgen – nicht dazu aus.

Die Bäume hatten nun eine sonnenbeschienene und eine Schattenseite. Ansonsten war durch das Gegenlicht eher weniger zu sehen als noch Minuten davor. Manchmal ist halt weniger doch mehr …

Ich wechselte daher das Fenster und hatte nun einen Ausblick seitlich zur Sonne. Hier herrschte vergleichsweis reges Treiben. Amseln pickten unter den Buchen im Laub und fanden wohl – für mich immer wieder erstaunlich – alle paar Sekunden etwas Fressbares. Interessanterweise war mir dieses Treiben und der Kontrast zur Beobachtung der Sonne fast schon zu viel Action. Einige Male flog eine Amsel von der Seite in mein Blickfeld, was mich regelrecht erschreckte.

Ich war gerade dabei, mich an den Vogelflugbetrieb zu gewöhnen, als der Wecker signalisierte, dass die Stunde als Türmer abgelaufen war. So viel Zeit in den Tag zu starten, habe ich sonst nie. Es ist schon interessant, welche Details mir dadurch entgehen. Vielleicht sollte ich mir das Erlebnis öfter gönnen.«

30.12.2020 Josef Maiwald Aussicht