15:27 Uhr | Kathrin Metzner

»Ich hatte mich sehr auf die Stunde gefreut. Auch als es hieß, dass es nicht auf dem Gasteigdach stattfinden kann, tat es der Vorfreude keinen Abbruch. Ich wusste schnell, was mein Ausweichort werden würde und bin kurz vor Anbruch meiner Wacht auf den Hügel im Luitpoldpark gestiegen. Hier war ich schon so oft. Ich lebe seit 18 Jahren in München, 17 davon in Schwabing, gleich um die Ecke vom Park. Ich kenne meine Stadt sehr gut und bin bestimmt schon durch jedes Viertel spaziert. Ich entdecke kaum noch Ecken, die ich nicht kenne. Aber so viel Zeit an einem Ort, ohne etwas anderes zu tun, habe ich mir noch nie genommen. Ich stehe ein paar Meter weiter unten vom Weg, damit ich nicht allzu sehr von Spaziergängern gestört werde. Immer wieder nehme ich sie aber wahr und Gesprächsfetzen in den unterschiedlichsten Sprachen erreichen mich. Vor mir queren zwei Jungs den Hügel, der eine mahnt den anderen, ‚immer auf dem Weg zu bleiben‘. Mehr und mehr rückt meine direkte Umgebung aber in den Hintergrund. Mein Blick geht zum Horizont, wo sich die Türme der Stadt vor dem Alpenpanorama in die Höhe strecken. Ich sehe vom Mariahilfplatz und dem Riesenrad im Werksviertel im Osten bis zum Heizkraftwerk an der Isar ganz im Westen. Und vor mir direkt im Süden liegt die Altstadt mit ihren markanten Gebäuden. Ich sehe mein Haus, meine Straße, mein Viertel. Ich erinnere mich an Momente in den letzten 18 Jahren – was an bestimmten Orten passiert ist, über die mein Blick schweift. Ich dachte, dass ich viel über das vergangene Jahr sinnieren und auf das neue blicken würde, was alles anders war, was von dem ‚anders‘ wir ins neue Jahr mitnehmen werden und dann zu ‚normal‘ werden wird. Aber das bleibt nur eine Randbetrachtung. Ich bin im Moment und seinen Details: Glockenläuten fängt sich am Hügel und überschwemmte mich regelrecht. Ein nicht enden wollender Vogelschwarm zieht vorbei. Die Zugspitze wird vom Abendrot umspielt. Manche Fetzen von immer wieder neuen Wolkenformationen hängen so tief, ich möchte sie berühren. Das langsam sinkende Sonnenlicht setzt immer andere Dächer, Kirchenuhren, Bergspitzen… flammend in Szene. Mein Blick wandert ständig weiter. Meine Gedanken folgen ihm. Ich bin vollkommen da, bei mir, im Hier und Jetzt. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Stunde Zeit nur mit mir, ohne etwas zu tun bzw. tun zu müssen, so ein großes Geschenk sein kann. Zufriedenheit macht sich breit. Ein Glücksmoment. Ich kann nicht anders, als zu denken ‚Verweile doch, du bist so schön!‘«