15:26 Uhr I Angelika Kasper

»So viele Male habe ich schon durch dieses Fenster geschaut und jetzt soll ich das eine Stunde lang durchhalten? Da draußen ist nie etwas Interessantes los.

Vor einem milchigen Himmel die gewohnten Schattenrisse der Linden und Kastanien. Ich nehme zum ersten Mal wahr, dass die Lindenzweige ein feines Spitzengespinst bilden, die Kastanien daneben ihre Äste dagegen robust und kräftig in den Himmel recken.

Eine einsame Krähe lässt sich auf der kahlen Linde nieder, ich will sie im Auge behalten. Sie ist das einzige Tier weit und breit.

Aber unten auf der Straße bewegt sich so viel. Ich stelle fest, dass ich hinschauen muss, wenn sich etwas bewegt. Und auch hinhören. Wenn ich ein Auto höre, überprüfen, ob es auch vorbeifährt. Und die Züge. Ich habe gelesen, dass alle vier Minuten ein Zug passiert und zähle elf in meiner Stunde, habe sicher einige übersehen. Es kommt also hin.

Es sind viel mehr Menschen unterwegs als ich dachte. Viele Eltern mit Kindern, jede Menge Hundebesitzer_innen. Manche allein, manche zu zweit, zu Fuß oder tapfer mit dem Fahrrad, ob wohl es anfängt, Schneeregen zu nieseln. Den einen oder die andere würde ich gern nach Hause schicken – nicht warm genug angezogen.

Einige sehe ich zweimal. Wie leicht ist es, ein Bewegungsprofil von Menschen zu erstellen, ganz ohne digitale Mittel? Da ist der Mann mit den strahlend weißen Turnschuhen, er kommt mit einem prall gefüllten Stoffbeutel zurück. Einkäufe. Überhaupt, einkaufen. Ein Radler balanciert an seiner Lenkstange einen Packen Wasserflaschen. Da fällt es mir ein: Die Weihnachtspause ist vorbei. Schade. Das war schön.

Das Haus schräg links mit seiner hübschen altmodischen Fassade hat 24 Fenster wie ein Adventskalender. Nach und nach gehen die Lichter an. So etwas bemerkt man nur in der Weihnachtszeit und wenn man viel Muße zum Beobachten hat.

Mittlerweile ist die Krähe weg, dafür hat sich der Spielplatz bevölkert, als wollten die großen und kleinen Kinder die letzte Stunde Tageslicht draußen erleben. Aber es wird langsam dunkler, der Schneeregen wird fast zu Schnee und fällt dichter, sie machen sich auf den Heimweg.

Irgendwann denke ich an den Wecker und wünsche mir, dass er nicht klingelt….«

28.12.2020 Angelika Kasper Aussicht