8:04 I Stephanie Graßl

»Vor dem Giebelfenster meiner Wohnung, das in Richtung Süden blickt:

Für mich ist der Einsatz bei der Türmerstunde etwas ganz Besonderes gewesen, weil ich die Feiertage dieses Jahr alleine verbracht habe. Es hat sich so angefühlt, als würde ich nach den Feiertagen, die sehr schön und ruhig für mich waren, wieder in Kontakt mit den Menschen kommen, die um mich herum in München leben. Den charmanten Anfang machte der Telefonanruf meiner Begleiterin Marie.

Der guten Vorbereitung durch Andrea Marton verdanke ich, dass ich die richtigen Schuhe angezogen habe. Ich erwähne das, weil mir inmitten der Stunde aufgefallen ist, wie gut ich stehe und wie gut sich das Stehen anfühlt. Meine Füße haben keine Gedankenarbeit gebraucht, sie sind einfach leichtfüßig, nicht zu spüren gewesen.

Ganz anders mein Kopf: Um mich herum ist es still gewesen; ich kann mich nicht erinnern, von den Nachbarn etwas gehört zu haben, bis kurz vor Ende der Stunde als der Wecker klingelte. Dafür war ein ziemlicher Krach in meinem Kopf, speziell zu Beginn der Stunde, der sich aber auflöste. Und dann erst habe ich meine Gedanken voll und ganz auf meine Umgebung richten können und wahrgenommen, wie sich die Farbe des Himmels am Horizont verändert, von einem hellgrau in ein helles goldgelb im Südosten. Meine Gedanken haben sich auch mit den Menschen in den vor mir liegenden Häusern beschäftigt; auf den Dächern liegt noch der Rest vom Schnee des Vortags, es scheint kalt zu sein, was man an den dampfenden, rauchenden Kaminen sehen kann. So deutlich sieht man den Rauch sonst nie. Was es wohl zum Frühstück gibt? Wie wohl die Vorbereitungen in den einzelnen Wohnungen ausschauen, um dem Tag zu begegnen. Auch die Tiere scheinen den Tag zu begrüßen, ein rotbraunes Eichkätzchen springt munter von Ast zu Ast, von einem Baum zum nächsten.

Mir kommt die Idee, dass ich das von nun an öfter machen könnte. Denn ich bin bei Ende der Stunde aufgeräumt mit meinen Gedanken, freue mich auf die Arbeit des Tages, habe eine neue Idee für ein Projekt, an dem ich arbeite. Das alles kommt aber erst zu Ende der Stunde, dass ich mich wieder mit mir und meiner Gedankenwelt beschäftige. Zu Beginn und zu Ende der Stunde kreisen die Gedanken um mich, zu Ende der Stunde sind sie aufgeräumter, weniger geworden. Ansonsten waren meine Gedanken mit meiner Umgebung und der Stadt beschäftigt, was mich zufrieden stimmt. Den Gedanken eine neue Richtung zu geben, sie von sich weg zu lenken und wieder herzuholen, ohne dass das die Kräfte erschöpft, das scheint möglich zu sein. Das ist für mich eine schöne Erkenntnis aus meiner Tätigkeit als Türmerin.«

28.12.2020 Stephanie Graßl Aussicht