8.04 Uhr I Cornelia Rémi

»Die Bäume, die Glocken, die Vögel, das Licht. Viele Fäden laufen durch meine Stunde an diesem frostklaren Sonntagmorgen, umspinnen mich und hüpfen zwischen meinen Gedanken hin und her, als könnten sich ihre Weberschiffchen nicht für einen klaren Kurs entscheiden sondern müssten ihr Muster im wirbelnden Navigieren erst entdecken. Der Morgen umspült mich, so dass ich mich ihm mit allen Sinnen hingeben kann. Minus sechs Grad zeigt das Thermometer, als ich auf den Balkon meiner Eltern am Nordrand von Schwabing trete.
Die Stadt vor mir und um mich herum entfaltet sich wie eine Origamiblüte, aber nicht nur in ihren Farben, Formen und Texturen – den plüschigen Puscheln der Baumkronen, den behäbig dunkeln Massen der Häuserblöcke – sondern auch im Raunen und Rauschen der ersten Autos auf dem Mittleren Ring, im Knistern der Kälte auf meinen Wangen, in den Rufen der Krähen, die von ihren Schlafbäumen im Englischen Garten aufsteigen wie dunkler Schaum, einige Minuten vor dem hellen Himmel tanzen und sich dann auf einzelnen Baumwipfeln niederlassen und ganz still dort verharren, wie Galionsfiguren, in deren Gefieder die Nacht noch hängen geblieben ist, während hinter ihnen die großen Schiffe dem Blau entgegengleiten.
Überhaupt, so viel Blau um mich, als ich in den ersten Minuten noch darauf warte, dass sich die Sonne endlich über das Gewirr der Zweige im Englischen Garten emporschiebt: die weite Fläche des Himmels über mir, nur einige zarte Pinselstriche aufleuchtender Wolken hineingestrichen, ganz in der Ferne am Südhorizont, aufwallend wie eine Flutwelle in den Zwickeln zwischen den Häusern, das dunkelblaue Band der Berge, die die Kante des Himmels entlangwogen.
Eins ums andere greifen die Glasfenster der hohen Bürotürme im Westen das Feuer der Sonne auf, spucken mir schon Vulkanglut entgegen, während im Osten die Sonnenkugel selbst noch in den Bäumen festhängt. Im diffusen Gegenlicht verdunkeln sich die Platanen noch einige Minuten lang, bevor das Licht sie durchflutet und mit sich reißt. Wie Tintenadern wachsen sie aus dem Himmel heraus, schlucken das letzte Nachtdunkel in ihre durstigen Zweige hinein und pumpen es dann den breiten Strom ihres Stammes hinab ins Erdreich, bis die Nacht ganz verschwunden ist und das Morgenlicht flockenweise in den Bäumen hängt: im Flaum der restlichen Lärchennadeln, die sich noch festklammern am Holz, in den Samenpropellern, die noch auf ideale Startbedingungen warten. Zu meiner Rechten funkelt und blitzt das Drehrestaurant am fernen Olympiaturm auf und verwandelt den Turm in eine riesige Diamantnadel, die Oben und Unten zusammensteckt.
Zwischendurch vergessen ich minutenlang fast meinen Leib, mit dem ich hier an der Ecke des Balkongeländers stehe: der Morgen braucht mich gar nicht, um stattzufinden – umso unbeschwerter und heiterer stupst er mir immer wieder in Erinnerung, dass ich seiner gewahr werden darf, seiner Weite und Ferne ebenso wie seiner Nähe, im smaragdenen Glühen der Moospolster und dem grellen Gelbgrün der Flechtenflecke, die direkt neben meiner Schulter das Geäst eines Baumes durchturnen, in ihrer ganz persönlichen Zeitlupe, um die sich das Eichhörnchen daneben nicht schert: Es keckert und schimpft mich an, weil ich ihm den Sprung aufs Geländer versperre.
Wie ein unbeholfener melancholischer Marabu schiebt ein Kran seinen orangenen Schnabel über die Dächer, zu behäbig, um einen der Rauchwürmer zu schnappen, die sich aus Essen und Rauchfängen emporringeln, verknubbeln, verknoten und fast schüchtern zögern, sich allzu weit von ihren Dachhöhlen zu entfernen, so windstill ist es und immer noch so leise, obwohl das Raunen der großen Straße allmählich anschwillt.
Aber die Glocken vermag auch der Mittlere Ring nicht zu übertönen. Immer wieder umpulsen mich ihre Stimmen, von dunkler Bronze bis zu hellem Silber; aus allen Himmelsrichtungen singen sie mir zu, singen die Stundenteile, rufen zu den Sonntagsgottesdiensten, in die Alte Heide, nach Bogenhausen, nach Schwabing, bis weit hinein in die Innenstadt, von wo einige Male ein Ozean von Glockengewoge aufbraust und von einem Haus zum anderen an mich weiter geworfen wird wie eine riesige schwere Flipperkugel.
Erst spät löst sich mein Blick von all der Höhe und Weite und fällt hinab ins Schattendunkel an der Seite des Hauses, wo ein Stäubchen von Weihnachtsschnee gerade einmal die Spitzeln der Grashalme bedeckt und so geheime Spuren in der Wiese sichtbar macht. Immer noch kein Mensch, nur ab und zu das Aufgähnen eines Hauses jenseits der Straße, wenn eine der Jalousien sich mit leisem Knattern und Ächzen in die Höhe wuchtet.
Und doch lebt der Morgen: Der Himmel weht und bläht sich im Sonnengold wie ein mächtiges Segel, die Bäume sprudeln von Mistelbällen und den aufgeplusterten Federbällchen der Kohlmeisen und Buchfinken, und ich stehe und versuche, dies, all dies durch mich hindurchfluten zu lassen, ohne ihm mit Worten und Vergleichen schon Widerstand entgegenzusetzen, im tiefen Vertrauen darauf, dass sich im Schreiben später die Worte schon von selbst einstellen werden.
Gegen Ende, erst ganz gegen Ende meiner Stunde durchschneiden zwei Flugzeuge den Himmel mit ihren Kondensstreifen – eines von Westen nach Osten, eines in die Gegenrichtung rasend, so hoch und himmelfern. Rasch verwabern, zerquellen und zerfleddern sich die weißen Linien zwischen den Eiswölkchen hoch oben zu holpernden Strichen Morsecodes, dann zu unlesbaren Tupfen, die im Blau zerfließen. Eine feine Naht aus hellen Stichen, die allmählich im Stoff verschwinden.
Der Morgen, die Welt fügt sich zusammen, ein Teil ums andere. Ich bin am rechten Ort, hier und jetzt. Ich brauche wenigstens diese eine Stunde lang keine Angst zu haben, mich nicht zu fragen, auf welche ungewissen Pfade ich meine Füße im nächsten Jahre setzen werde, wo ich den Ort finden darf, an dem ich mich zu Hause wissen kann und gebraucht werde.
Bevor mich der Wecker aus diesem Gefühl der Geborgenheit reißt, sehe ich unten den ersten Menschen dieses Tages und staune darüber, dass dieser Morgen auch für ihn noch Platz hat: Die volle Sonne leuchtet ihm ins Gesicht, während er sein Fahrrad die Straße hinunterrollen lässt, und ich hoffe, dass ich etwas von diesem Leuchten mit hinein und hinaus in mein Leben, die Zeit, das neue Jahr nehmen kann, während ich mich aus meiner Stunde des Wachens löse.«