8:04 Uhr I Marie Désarménien

»Heute habe ich Geburtstag. Ich habe eine Kerze angezündet und auf das Fensterbrett gestellt. Ich halte Wache über der Stadt, aber die Stadt sehe ich nicht. Die Menschen sind weiter weg, hinter dem Vorgarten. Im Aussichtsraum auf dem Dach des Gasteig hätte es mehr Stadt gegeben. Hier gibt es den Vorgarten, die Vögel, und die Eichhörnchen. Ich wache über die Natur in der Stadt. In dieser Stunde zähle ich 10 Autos, 2 Jogger, ein dick eingepackter Spaziergänger. Was haben sie im Kopf? Wo gehen sie hin?

Alles ist friedlich. Die hypnotisch blinkende Lichterkette im Nachbargarten zieht meinen Blick immer wieder auf sich. Die Sonne geht langsam über den Häusern auf. Zuerst in orangenen Strahlen, die sich auf den Wolken im blauen Himmel widerspiegeln, dann gelb. Es ist schön, es ist friedlich. In dieser Stunde sehe ich Details, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Ich beobachte eine halbe Stunde lang das Ballett der 4 Eichhörnchen, von denen ich sonst nur ein paar Bilder im Alltag erhasche, weil ich nicht innehalte. Immer in Bewegung, immer in Aktion. Die christlichen Glocken rhythmisieren die Zeit. Alle 15 Minuten geben sie mir über den Verlauf der Stunde Bescheid. Ich schmunzle. Die Zeit geht so schnell vorbei, das hätte ich nicht gedacht. So viele Gedanken, die vorbei ziehen. Ein Anflug von Melancholie, der  vom wechselnden Licht mitgenommen wird. Das Dach der Philharmonie, die Stadt sind weit weg. Es bleibt ein Gefühl von Ruhe, Frieden und Zufriedenheit, und von verhaltener Freude.

Und jetzt spüre ich den Hunger!«

26.12.2020 Marie Désarménien