8:03 Uhr I Louisa Riedel

»Der Himmel ist weiß-grau; Schnee liegt in der Luft. Regentropfen prasseln um mich herum, vereinzelt sind auch Schneeflocken darunter – zu wenige und zu spät für weiße Weihnachten, aber vielleicht klappt es ja diesen Winter noch irgendwann mit Schlittenfahren und Schneemannbauen.

Ich stehe auf dem Balkon unserer Lieblingsnachbarn. Hier habe ich Zuflucht gefunden (also meinen ganz persönlichen »Shelter«), da wir selbst keinen Balkon haben und mit einem dreijährigen Kind ungestörte Ruhe um 8 Uhr morgens wahrlich nicht garantiert werden kann. Es ist also eine vertraute Umgebung – und trotzdem eine ungewohnte Perspektive.

Ich betrachte den Hinterhof, der umringt ist von mehrgeschossigen Mietshäusern, erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts. Mein Blick bleibt an dem Balkon schräg rechts von mir gegenüber hängen: Seine Bewohner haben ihn liebevoll bunt geschmückt – mit Luftballons, einer Wimpelkette, drei Sonnenschirmen, verschieden farbigen Blumentöpfen und großen roten Christbaumkugeln. Gestern haben die Bewohner eben jenes Balkons, gemeinsam mit anderen Nachbarn und einer Hand voll Kindern am späten Nachmittag ein Krippenspiel im Hof veranstaltet. Per Aushang an den Haustüren waren wir alle, die in den angrenzenden Häusern leben, eingeladen, dem Schauspiel von unseren Balkonen und Fenstern beizuwohnen, »Stille Nacht, heilige Nacht« mitzusingen und Lichter anzuzünden. Ein wunderbarer Ersatz für die ausgefallene Christmette. Eine tolle Nachbarschaft – ich bin dankbar, hier zu sein.

Ich sinniere in meiner Türmer-Stunde also ein wenig über das nachbarschaftliche Zusammenleben und darüber, dass Corona den Blick einerseits etwas verengt hat auf das nähere Umfeld – und andererseits den Blick geöffnet hat für eben genau das, was einem vorher noch nicht aufgefallen ist.

Ohne die derzeit gravierenden Corona-Einschränkungen stünde ich jetzt auf dem Dach des Gasteig und würde vermutlich eher über die Stadt als Ganzes nachdenken. Aber so konnte ich vom nachbarlichen Balkon beobachten, wie ein Eichhörnchen sich von unserem Fensterbrett die Nüsse holt, die ich gestern rausgelegt habe. Ich sehe in dieser Stunde drei Eichhörnchen und nur fünf Menschen.

Kurz vor 9 hallt leise Opernmusik durch den Hof. Dann bringt eine Nachbarin Müll raus. Es wird lauter. Der Regen hat aufgehört, der Himmel ist immer noch schneeverheißend.

Guten Morgen, Schwabing!«

25.12.2020 Louisa Riedel Aussicht