8:03 Uhr I Lars Lütjens

»Der Himmel ist schon tiefrot, als ich meinen Posten als Türmer einnehme. Aschheim, im Speckgürtel Münchens. Ich habe mir einen kleinen Hügel ausgesucht, von dem man über die Stadt wachen kann. Es ist wärmer als erwartet, so tief im Winter, und doch werde ich die vielen Lagen Kleidung brauchen.

Leichter Nieselregen beginnt – das kann ja was werden. Doch dann beginnt ein konstanter Wind, der den nahenden Sonnenaufgang anzeigt. Ein gleißender Feuerball schiebt sich über den Horizont und nimmt mit sich die paar Tropfen Regen. Ein Vogelschwarm kreist und die schneebedeckten Gipfel der nahen Berge werden erleuchtet. Diese unbeweglichen Monster, deren Existenz doch in einem fragilen Gleichgewicht liegt.

Ich sehe das verschlafene Dorf, meine Heimat, was um diese Uhrzeit schon hellwach ist. In jede Richtung ausgehend, die Straßen, die Lebensadern, über die alle Güter fließen. Ich sehe LKWs, Busse und Paketautos. Aber es fällt auch auf, wie wenig doch auf den Straßen los ist.

Sofort springen meine Gedanken zur Arbeit. Wie viele Leute bewegen heutzutage noch Güter? Etwas zum Anfassen? Ich für meinen Teil bewege Pixel um Pixel. Das bedeutet Home-Office, Tag ein, Tag aus. Meetings, Abstimmungen, Code schreiben, testen. Viel unterscheidet die Arbeit nicht von einem Computerspiel. Hier einen Quest erledigen, oder ein Achievement einsammeln. Gerne auch mal in der Gruppe, aber am Ende kämpft jeder um seinen eigenen Levelaufstieg. Höher, besser, weiter. Ob man denn noch das richtige Spiel spielt?

Zurück auf dem Hügel fällt mir eine Wiese auf. Eine richtige Parkwiese, penibel in dem Erholungspark angelegt. Zwischen zwei Wegen gelegen, mit kleinen Bäumen gesäumt. Wie sie daliegt, sieht es so aus, als wüsste sie nicht, was sie sein soll. Sollen auf ihr Büsche wachsen? Wilde Vegetation und Tiere? Majestätische Bäume vielleicht? Oder soll ein Monument errichtet werden, wie auf der Wiese nebenan? Der Natur wurde das einstige Moor zumindest aberkannt. Und in der Lethargie zur Entscheidung liegt die Fläche brach. Regelmäßig wird sie von einem Wärter gemäht, der sicherstellt, dass alles so bleibt wie es ist. Sicher ein Job mit weniger Zweifeln. Möchtest du tauschen?«