15:22 Uhr I Martina Rößler

»Fünf Minuten nach Beginn meiner Türmer-Stunde hört es auf zu regnen. Ein grauer, windiger, nasser Tag. Hätte ich nicht doch zum Friedensengel laufen sollen, um eine spannendere Aussicht zu haben? Meinen Hinterhof kenne ich doch. Der Ausblick auf die kleine Kirche ist wunderschön, aber hier verbringe ich doch eh so viel Zeit – hier auf meinem kleinen, aber feinen Balkon. Egal, jetzt bin ich hier. Alles ist noch nass, keine Kinder, die im Hof spielen, nicht mal das Eichhörnchen lässt sich blicken …

Und dann passiert DAS UNGLAUBLICHE!!! Die dunkelgraue Wolkendecke reißt auf, DIE SONNE kommt heraus. Ich kann mein Glück kaum fassen! Darf ich heute tatsächlich doch noch meinen Sonnenuntergang sehen? Wenn schon nicht auf dem Shelter, dann wenigstens auf meinem Balkon? Die Wolken verfärben sich rosa. Auf einmal reißt ein kleines Stück immer noch weiter auf, so dass ich die Sonne richtig sehen kann, nur noch ein kleiner Schleier ist davor! Lieber Baum, kannst du bitte einen Schritt nach links gehen? Du versperrst mir ein wenig die Aussicht! Immer mehr kleine blaue Stellen am Himmel, ich sehe zwei Kondensstreifen. Zwei Flugzeuge, zwei von wenigen in dieser verrückten Corona-Zeit. Wohin sie wohl fliegen, zwei Tage vor Weihnachten? Dunkelgraue Wolken nahen, bestimmt ist das Schauspiel bald vorbei. Die Sonne verschwindet hinter der untersten, ganz dichten Wolkenschicht, SIE GEHT UNTER! Was für ein Geschenk, damit hätte ich heute wirklich nicht gerechnet …

Nun kann ich den Blick abwenden, bis jetzt habe ich nur Richtung Sonne geschaut – der Himmel war so schön! Ich sehe nach, ob es in dem inzwischen recht düsteren Hof nicht doch noch etwas zu beobachten gibt. Ich habe noch 7 Minuten, die Kirchenglocke hat gerade Viertel geschlagen. Mehrere Nachbarn machen sich auf den Weg zum Einkaufen. Schnell noch raus, bevor es wieder stockdunkel wird. Auch der eine, mit dem ich mich überhaupt nicht unterhalten kann. Mehr als „hallo“ geht nie. Schon komisch – warum kann man mit manchen Menschen stundenlang reden und mit anderen überhaupt nicht? Das Eichhörnchen war immer noch nicht da und hat sich vom Balkon der Nachbarin seine Walnuss abgeholt. Dafür hängt immer noch der blöde Rest von einem Glitzerluftballon in einer blattlosen Baumkrone, ganz hoch oben. Ich muss mich jetzt doch mal drum kümmern und vielleicht Kontakt zu so einem „Baumkletterer“ aufnehmen. Von alleine geht das silberne Folienteil da nie wieder weg – die Vögel, der Baum, das Eichhörnchen fühlen sich bestimmt gestört … Meine Blumen auf dem Balkon bräuchten auch mal wieder Wasser. Ich darf nicht vergessen, sie später zu gießen – jetzt darf ich ja grad nicht. Genauso wenig wie kurz auf die Uhr schauen oder vorhin ein Foto von dem schönen Himmel machen, einen Moment meiner Türmer-Stunde festhalten. Alles grad nicht erlaubt, wie ungewöhnlich …

Bestimmt läutet gleich mein Wecker. Still war es die ganze Zeit. Die Geräusche, die man gehört hat, waren viel intensiver: die Autoreifen im Regen, das Klingeln der Tram, das Schlagen der Kirchenglocke, das Tatütata … Huch, wo kommt denn der Mond plötzlich her? Ach ja, wahrscheinlich waren bis eben noch die Wolken davor. Erstaunlich, sie reißen immer weiter auf, plötzlich ist da ganz viel blau … Und jetzt gehen die Laternen im Hof an, eine Lichterkette leuchtet, wie schön!

SCHADE, SCHON VORBEI.

22.12.2020 Martina Rößler Aussicht