8:02 I Oliver Frank

»Trotz der Sicht auf mehrere Häuser, Balkone, Fenster, war keine Menschenseele zu sehen. Niemand gesehen, die Stunde lang. Anfangs hatte ich ein Gefühl von Ruhe und Freude – Teil dieser Türmer-Stunden zu sein. Dann fand ich es unheimlich und es entwickelte sich zu einer fixen Idee, endlich jemanden zu sehen. Ein Fenster, das gekippt wird. Aber es passt irgendwie zum Grund, wieso ich hier und nicht auf dem Gasteig stehe: die Pandemie und die Schutzverordnungen. Vorgestern die Nachricht, eine mutierte Virusvariante wäre in GB nachgewiesen worden. Verbindungen zur Insel gekappt. Die Impfung sollte aber auch dafür wirksam sein. Ich lebte bislang mit großen Sicherheiten. Ich habe nie einen Krieg erlebt. Schreckliche Nachrichten betrafen nie meine Familie. Nun dachte ich daran, ob der letzte Türmer am 12.12.21 auf dem Gasteig stehen wird. Sehr wahrscheinlich wird jemand seine Stunde einer Infektion wegen nicht wahrnehmen können; vielleicht den Abschluss am 12.12.21 nicht mehr erleben. Ich konnte diesen Gedanken nicht wegschieben, gehen lassen – wie es Joanne im Vorbereitungs-Workshop angesprochen hatte.

Ich war dann sehr froh, meine Familie nach der Stunde wieder zu sehen. Es tut mir fast leid, diese Gedanken aufzuschreiben. Sollte ich diesen Text zerreißen? Andererseits: es beschreibt diese Gedankenspirale. Es tut gut, sie (r)auszuschreiben. Etwas habe ich mir aufgehoben – weil ich diesen Text »befürchtet« hatte – also das, was ich nach der Stunde nun schreibe: Ich sah einen Kamin, ab und an je nach Wind, rauchen. Immerhin ein passives Lebenszeichen. Ich denke, jemand hatte es warm.«

22.12.2020 Oliver Frank Aussicht