8:00 Uhr I Adrian Prechtel

»Ich stand da, wie der Geheimrat v. G., fiel mir auf: die Hände meist auf dem Rücken verschränkt. Das schafft eine Balance aus Entspanntheit & Aufrechtheit. Gut für einen Türmer, der ist – so fiel mir ein: ein bürgerlicher Wachsoldat. Und weil in der Stadt zwar nicht die Pest, aber doch eine Seuche wütet, war mein Platz jetzt am Stadtrand, mein Blick nach Außen auf Bäume & den Waldrand, wo die Stadt endet: Der Türmer, der nicht die Stadt beobachtend, schützend überblickt, sondern sie abschirmt nach Außen, indem er am Ende der Häuser auf das schaut, was von außen kommt & droht…

Es ist eine romantische Situation, egal ob in der Stadt oder mit Blick auf Land, und weil vor mir die Balkonbrüstung einen Rahmen gab, kam mir – ich erzähle keinen Schmuh: Eichendorff in den Kopf – ich habe ihn holprig umgeformt, auch wenn ich nicht mehr jede Zeile im Kopf habe, weil sich meine Version auch ständig verformte:

Es schienen ganz neblig erste Strahlen
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte in naher Ferne
Eine Autobahn sich schneidend ins Land.
Die Faust auf dem Rücken sich ballte,
Da hab‘ ich mir heimlich gedacht
Ach, wer die Stille verwalte
Und hätte dazu noch die Macht!

Das Weiterschauen war dann immer versöhnlicher – & ein Ping-Pong-Spiel zwischen Innen-ein-Sicht & Außensicht. Innen: Ablenkende Reflexionen über mich, hier, den Abend zuvor… aber eben auch der verpflichtende Außenblick: Ein harter, hackender Streit innerhalb einer Vagabundengruppe geächteter Krähen, ein lustig – die ganze Stunde – herumflitzendes Eichkatzerl, das sich nicht nur von Baum zu Baum schwang, sondern auch Vogelhäuser besuchte – diese Zivilisationsnettigkeiten, aus schlechtem Gewissen & doch liebevoll hingestellten Nahrungsangeboten an die zurückgedrängte Tiernatur… Überhaupt: Hier wird der Türmer am Stadtrand zum Naturschützer & doch spürte ich die Stadt im Rücken – in weiter Ferne so nah! & so war ich eine Brücke, eine denkende, schützende.«

12.12.2020 Adrian Prechtel Aussicht