15:21 Uhr I Michael Grill

»Bahnhofsviertel, direkt neben dem Schornstein der Theatergemeinde, bei der ich arbeite, derzeit -2 Grad Celsius. Fünf Schichten Wollsachen übereinander, das hilft. Aber nur gegen die Kälte. Die Stadt rauscht hier auch am Sonntag, kurz bevor es dunkel wird. In einigen Dachfenstern unter mir sehe ich Menschen. Nicht, dass noch einer die Feuerwehr holt, von wegen Selbstmörder auf dem Dach der TheaGe oder so. Ich verberge mich hinter dem Schornstein. Ich sehe auf coronatote Hotels rundherum. Ich höre die akustischen Emissionen der Zweibeiner und ihrer Motoren, verrührt zu einem halbsanften Rauschen. Im Kopf dazu die Doors, „Waiting for the sun“. Hallo!? Es wird doch Nacht jetzt, Rauhnacht sogar, Thomasnacht! Längstes Dunkel, Mr. Morrison, the end, my only friend?

Die Luftratten kreisen als großer Schwarm insgesamt vier Mal um mich. Schöne, unschuldige Individuen, möge jedes einzelne sein Glück und seinen Frieden finden. Auf dem Herweg habe ich eine überfahren von ihnen mit dem Fahrrad. Ist das wirklich passiert? Dass Verrückte sie päppeln und mästen da unten, bis sie im Schwarm zur Plage werden, ist krank genug. Dicke Schichten ätzendes Exkrement auf den Gauben. Will natürlich keiner sehen. Niemand sieht gerne Zusammenhänge, die nicht ins Bild passen.

Vom Schornstein aus blickt man in Abgründe. Irgendwo da unten sind sie, denken sich neue Eifersüchteleien aus und glotzen in ihre Zoomkonferenz. Was für ein spießiges, verlogenes Theater! Falschheit, Gemeinheit, Bosheit sind ihr Geschäft, und sie merken es nicht mal. Kurzsichtig, egozentrisch, mittelmäßig, so zerstören sie vor sich hin, die angebliche Moral wie eine Monstranz vor sich hertragend. Der Sound der Besserwisser rauscht bis hier hinauf. Die Stadt aber steht, zitternd vor Kälte zwar, aber sie steht. Lass sie kommen, lass sie gehen. Ich sehe die Türme, die Handymasten und ganz da hinten wahrscheinlich den Gasteig mit seinem Türmerhäuschen.

Gegenüber in einem der Dachfenster hat mich ein Mensch gesehen. Er winkt. Ich winke zurück. Er geht wieder zurück in die Tiefe seiner Wohnhöhle, ohne die Feuerwehr zu rufen. Es gibt freundliche Menschen in dieser Stadt.«

20.12.2020 Michael Grill Aussicht