8:01 Uhr I Markus von Armansperg

»Wacht in der Ruhe eines Samstagmorgens. Selber bin ich im Spannungsfeld zwischen innerer Ruhe und nach außen gewandter Aufmerksamkeit. Das Fenster ist gekippt, damit die Welt draußen auch durch ihre Geräusche zu mir durchdringen kann. Lagerfeuergefühle, bis zu den Knien die Wärme der Heizung, oben die frische Morgenluft mit Minusgraden. Ich blicke auf die Lärche, die fast in Reichweite vor meinem Fenster steht und derart überwuchert ist, dass man sie besser einen Efeu-Baum nennen sollte. Rechts davon, im Nachbargarten ragt eine hohe und lichte Fichte auf. Zunächst fesselt aber der Innenhof mehr links meinen Blick.

Dort ragt eine über sieben Stockwerke reichende Brandschutzwand auf, für das Auge brutale tote Statik. Heute wirkt das Gebäude aber beweglich. Vor dem fast grauen Himmel quillt, etwas dunkler, Rauch aus dem Schlot des Hauses. Es wirkt damit wie ein Dampfer auf langsamer, aber steter Fahrt. Unter ihm liegen die Wellblechdächer eines Lagerhauses, heute zart mit Reif bestäubt. Direkt gegenüber blicke ich geradewegs durch die Fenster des Nachbarhauses einmal ganz hindurch. So früh am Wochenende bewegt sich dort noch niemand. Kein Licht ist zu sehen. Am Himmel kreuzen Vögel mit ihren Flugbahnen in unterschiedlicher Höhe, Tauben und Krähen. Ganz links ist die Häuserzeile durchbrochen und gewährt mir einen kleinen Einblick auf die Straße und den nahen Spielplatz sowie den Bahndamm dahinter. Durch diese Lücke dringt als Hintergrundgeräusch metallener Hall und Klopfen. Es klingt, als werde ein Gerüst abgebaut.

Dann und wann fährt ein Zug über den Bahndamm. Unter ihm sind hin und wieder Menschen zu sehen, Jogger und Leute mit Hund, eine merkwürdige Allianz zu früher Stunde. Jogger und Hunde, das verträgt sich normalerweise weniger. Einzelne Krähen krächzen. Selten höre ich das einsame und eher verzweifelt-verzagte Piepsen eines anderen Vogels. Ich merke, wie ich immer wieder in Gedanken falle und dass es noch schwerfällt, die Aufmerksamkeit zu halten. Wieder schneiden Vögel in unterschiedlicher Höhe den Himmel. Stoßen sie eigentlich nie zusammen? Man weiß von der Raumdynamik von Vogelschwärmen, die wie von Zauberhand orchestriert in Wolken einer gemeinsamen Choreographie folgen. Was aber ist, wenn sich die Bahnen zweier fremder Vögel kreuzen?

Ich muss zurück in die Aufmerksamkeit, aus meinen Gedanken heraus. Hilfreich ist alles, was sich bewegt: Unten hüpft ein schwarzes Eichhörnchen über die Mauer, als ob es auf dem Weg zur Arbeit sei. So früh hätte ich nicht mit ihm gerechnet. Später folgt ein rotbraunes Eichhörnchen auf gleichem Weg. Ich kenne die beiden und freue mich, sie zu sehen. Jetzt richte ich meine Aufmerksamkeit aber auch bewusst auf das Unbewegte. Mit zunehmender Helligkeit fällt das leichter und ich merke, wie ich mehr und mehr von innen nach außen gelange. Hübsch sind die zart aufgefiederten Zweige der Lärche mit letzten noch verbliebenen braunen Nadeln, die sich aus dem Efeu schieben. Gegen den Himmel wirken sie ganz leicht. Mittlerweile hat sich auf dem Schornstein des Dampfers gegenüber eine Krähe niedergelassen. Nun hat er auch einen Kapitän, der, volle Fahrt voraus, die Weite überblickt. Rascheln rechts. Zwei noch recht kleine schwarze Eichhörnchen jagen die Fichte hinauf. Sie umkreisen den Stamm, steigen bis in höchste Höhe, kommen rasend schnell wieder hinunter und wagen sich bis ans äußerste Ende der Zweige. Ich höre das Schaben ihrer Krallen auf der Rinde des Baumes. Sie wirken wie zwei Kinder mit Bewegungsdrang. Mittlerweile höre ich öfter Vogelgezwitscher und kann verschiedene Laute voneinander unterscheiden. Durch den Efeu hüpfen einige Vögel, darunter eine mitleiderregend kleine Meise. Wird sie den Winter überstehen? Die Turmuhr der nahen Kirche schlägt dreiviertel neun. Ich stehe hier seit 8:01 Uhr. Zweimal ist mir der Glockenschlag also entgangen.

Links auf der Straße, die schon ein Postauto und ein Müllwagen passiert hat, kratzt ein Mann die Scheiben seines Transporters frei. Das Licht ist aufgeblendet. Es ist das einzige parkende Auto, das ich sehen kann. Selbst über die 40 bis 50 Meter Entfernung zu ihm, klingt das schabende Geräusch des Eiskratzers zu mir hinauf.  Die Scheiben sind frei, er fährt davon. Unter mir bringt ein Bewohner des Hauses Müll zu den Mülltonnen im Garten. Gegenüber kreuzt eine Frau den Hinterhof. Sie wird zum Einkaufen gehen. Mir zeigt das, dass meine Zeit auf Wacht bald um sein wird. Um 9:00 Uhr öffnen die Geschäfte um’s Eck, es wird gleich soweit sein. In mir kommen widerstreitende Gefühle auf. Einerseits ist es nun gut, dass die Stunde um ist, was gäbe es noch zu entdecken? Mit dem erwachenden Tag wird auch mein Tatendrang geweckt und ich will langsam heraus aus der Rolle des Betrachters.

Andererseits bin ich auch ein wenig wehmütig. Die Stunde war unerwartet schön, ich war bei mir und bei der Welt zugleich, nicht abgelenkt von vermeintlich Wichtigerem. Danke für dies Geschenk!«

19.12.2020 Markus von Armansperg