8:00 Uhr I Santiago Seoane Portela

»Knapp über 5 Jahre ist es her, dass ich schon einmal Türmer sein durfte. Damals in Freiburg. Hier bin ich wieder. Türmer München. Shutdown Edition. Oder Home Office Variante.

Ich wusste, dass ich in meiner Wohnung am Balkonfenster abends ein schönes Abendrot sehen kann. Jetzt weiß ich, dass das Morgenrot hier mindestens genau so schön ist. Mein Blick schweift rechts, nach links und wieder zurück. Immer wieder bleibe ich an den Menschen hängen, die an der Tramstation Fachnerstraße ein- und aussteigen. Warten. Wo sind sie gerade mit ihren Gedanken? Ich merke, wie das Sonnenlicht an den Fassaden gegenüber in verschiedenen hellen Farbtönen leuchtet. Manchmal in Gold. Die drei Hochhäuser stehen da und machen mit mir mit. Sie tun das jeden Tag. Ich heute eine Stunde. An den Fenstern reflektiert das Sonnenlicht. Wie Strahlen kommt es zu mir. Dann ein Schattenspiel durch die Äste, die Straßenlaterne. Erst schwach, später stärker und konturreicher. Das Flachdach der Moschee gegenüber ist vom Eis in Weiß getaucht. Betet schon jemand dort? Ich sehe sonst die Besucher auf der Straße. Aber jetzt sehe ich niemanden.

Damals in Freiburg war das Projekt am Ende für mich ein Abschiednehmen von der Stadt. Das Projektende bekam ich nicht mehr mit. Zu weit weg war das Allgäu von Freiburg. Das Leben war weiter gegangen. Heute fühle ich, dass ich über mein Zuhause wachte. Für eine Stunde. Danke, München. Danke, dass ich hier sein darf. So, wie ich bin. Namaste«

18.12.2020 Santiago Seoane Portela