7:59 Uhr I Ricarda Ott

»Es ist bewölkt an diesem Morgen. Ich sehe die Sonne nicht, dafür sind die Häuser und Bäume zwischen mir und ihr zu hoch, zu massiv. Und doch sehe ich sie, ihre Auswirkung, ihre Präsenz: Das Grau des Himmels wird heller, das Licht in den gegenüberliegenden Wohnungen wird dumpfer, fahler. Ich bin fasziniert, wie während der Stunde meine Sinne auf Bewegungen reagieren: Geräusche des Lebendigen wie die vorbeifahrenden Autos; eine freche Elster, die ich fast jeden Tag in unserem Innenhof sehe, durchquert mein Blickfeld und pickt in einem Pflanzenkübel herum; in den Wohnungen bereiten Menschen ihr Frühstück vor und sich selbst für den Tag. Ein besonderer Spruch kommt mir immer wieder in den Sinn: »Zurechtgedachtes wird immer vom Lebendigen zerkrümelt!« (Oskar Maria Graf)