15:20 Uhr I Susanne Hermanski

»Der Streif am Horizont ist nicht silbern. Er ist auch nicht golden. Er ist kupferrot. Ob ich darauf auch so sehr geachtet hätte, wenn ich noch vor einem Jahr hätte Türmer sein dürfen? Ich weiß nur, es fühlt sich schwer an, Wacht zu halten über meine geliebte Stadt an einem Tag wie diesem. An dem sie grau und stumpf vor mir liegt, die sonst so herrlich, lebendig, sinnlich sein kann. Wie sehr sie sich schon geändert hat durch die Pandemie! Und wie sehr sie sich noch weiter ändern wird durch das, was kommt. Zurückgeworfen auf die kleinsten Zellen. Hort der Isolierten. Statt des wilden Mit- und Gegeneinanders, das sie für mich ausgemacht hat. Welches neue Biedermeier haust da jetzt hinter den Fenstern? Der viel gelobte Rückzug ins Private? Wieviel Angst vor dem Tod – dem eigenen und dem anderer? Die Frauentürme. Waren sie nicht mal das Maß aller Dinge hier? Du München, „bei den Mönchen“. Viel Schuld und schlechtes Gewissen wird jetzt hier wieder verhandelt. In einer Welt ohne Glauben funktioniert das trotzdem noch gut. Ist das die Rettung oder das Verderben? Ich hätte so gern schon eine Antwort, mein München.«

13.12.2020 Susanne Hermanski Ausblick

Blick aus der Panorama-Lounge im 26. Stock im SZ-Hochhaus, Foto: Stephan Rumpf